Padre Dietmar Kraemer Himno Nacional de Bolivia
 

Herzlich willkommen bei der
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kath. Pfarrei Tahua "San Juan Bautista"
Johannes der Täufer
Llica/Tahua - Provincia Daniel Campos - Potosí - Bolivia

Llica am 06. August 2007

Liebe Freunde in der Heimat
Heute am Nationalfeiertag Boliviens will ich meinen Brief an euch zumindest einmal beginnen. Seid also zunächst alle ganz herzlich vom Hochland Boliviens gegrüßt, wo wir uns eines trocken kalten Winters erfreuten. Ich hoffe, ihr seid bei sommerlichen Temperaturen ebenfalls wohlauf. In Llica war es in der 2. Julihälfte trotz der zu Ende gegangenen Schulferien relativ ruhig geblieben, da die ganze Studentenschaft der Fachhochschule „Franz Tamayo“, abzüglich der knapp 40 schwangeren Studentinnen, von deren Studentengewerkschaft zum Demonstrieren und „Strassen blockieren“ nach La Paz beordert worden war. Wer nicht dem Ruf der Federación folgte, muss mit einer Strafe von 800 BOB rechnen, was ungefähr 100 US Dollar entspricht, und für den normalen Studenten den Lebensunterhalt für 2 Monate bedeutet. Beunruhigt hat die Lehrerschaft das Ansinnen der „sozialistischen“ Regierung, den „Beamtenstatus“ für Lehrer abzuschaffen und so für mehr Wettbewerb zu sorgen.

Die meisten wissen es schon, dass mich die Schatten eines „laizistisch antikolonialistischen Erziehungswesens“ in Llica eingeholt haben, ich an der Lehrerausbildungsstätte Franz Tamayo nach vielen Jahren Mitarbeit zunächst keinen Unterricht mehr geben darf. Das kann sich aber auch wieder einmal ändern. Die oben schon erwähnte Studentengewerkschaft, unterstützt von einigen gleichgesinnten Dozenten, hatten sich Anfang des Semesters beim Direktor, der auf keiner Seite mehr viel Autorität geniest, mit der Meinung durchgesetzt, dass man für die Lehrerausbildung eigentlich keinen Pfarrer bräuchte, die Kirche sich aus diesem Bereich herauszuhalten habe. Das heißt aber nicht, dass die Studentenschaft jetzt ohne geistlichen Beistand dasteht. Es gilt lediglich Strategien der neuen Situation anzupassen. Im Hintergrund spielt da mit, dass die Kirche nach Meinung einiger Vertreter der neuen Gesellschaftsideologie, die die andine Kultur mit ihren religiösen Elementen wie Pachamama (Mutter Erde) sowie Inti Sol (Sonnengott), im Vordergrund sehen möchten, eben dem Kolonialismus zugerechnet wird, der für die jahrhundertlange Unterdrückung und Ausbeutung der Indios mitverantwortlich sei. Wie Pfarrerkollegen auf der letzten Diözesanvollversammlung in Potosí Mitte Mai berichteten, machen sich diese Tendenzen besonders um Potosí herum bemerkbar und erschweren die Pastoral bei der einfachen Landbevölkerung. Auch die Weiterexistenz des Religionsunterrichtes an staatlichen Schulen ist in der neuen Verfassung noch offen. Die Verstimmungen zwischen Staat und Kirche erreichten während des Besuches von Papst Benedikt XVI. beim Regionalkonzil in Aparecida, Brasilien, einen Höhepunkt. Die Besorgnis des Papstes, dass in Lateinamerika nach dem „rechten“ jetzt ein „linker“ Totalitarismus wachse, hatte einigen sehr missfallen.

Doch bleiben wir noch etwas in Llica und Umgebung. Meine lieben Nachbarn, die beiden kubanischen Ärzte, sind nach wenigen Monaten Arbeit in Llica nach Uyuni umgezogen. Mangels Interesse und logistischer Unterstützung seitens unserer Ortsautoritäten sahen sie sich dazu gezwungen. Wäre der Padre hier nicht Deutscher mit lieben Freunden in der Heimat, die seine Arbeit unterstützen, wäre es der Pfarrei schon lange ähnlich ergangen, aber dies nur nebenbei bemerkt.
Dann hat Llica wieder einen neuen Bürgermeister, den vierten in 3 Jahren. Das zeigt, wie instabil viele unserer Verwaltungsinstitutionen sind. Und wenn ein Bürgermeister gehen muss, meist wegen fachlicher Unfähigkeit oder Korruption.
Vor 10 Jahren war in der Pfarrkirche eingebrochen und Kunstgegenstände aus Altsilber gestohlen worden. Ein Teil des Diebesgutes war vom bolivianischen und kolumbianischen Zoll damals sichergestellt worden und soll jetzt der Pfarrei zurückgegeben werden. Eine Kommission vom Kulturministerium war in dieser Angelegenheit nach Llica gekommen, um den Sicherheitszustand der Pfarrkirche in Augenschein zu nehmen. Wiedererlangt Gestohlenes soll ja möglichst nicht nochmals verschwinden.
 
Viel Aufsehen in einem guten Sinne haben in Llica die Dreharbeiten des deutschen TV-Senders VOX erregt. Im Rahmen ihres Samstagsprogrammes, in dem sie von fremden Ländern und deren Kulturen berichten, waren sie eben ’mal kurz nach Llica angereist. Neben dem Salar von Uyuni mit seiner pittoresken Umgebung von mit meterhohen Kakteen bewachsenen Hügeln, die nach der englischen Zeitschrift „Rough Rides“ zu den 25 schönsten Gegenden der Welt gehört, wird dann eben auch Ende September oder im Oktober einiges aus dem Leben der Pfarrei Llica im Fernsehen zu sehen sein. Auf „Anordnung“ des Regisseurs musste ich mir zur Ortsbegehung einen Römerkragen anlegen, damit man sähe, wer der Pfarrer ist.
 
Nach dem Foto rechts könnt ihr urteilen, ob mir dieser Look steht. Das Drehteam von VOX, obwohl im Pfarrhaus untergebracht, litt doch unter unseren harten Lebensbedingungen auf dem entlegenen Altiplano. Zimmertemperaturen von etwas über Null Grad, eingefrorene Wasserleitungen und so kein Wasser im Haus, nur 2 Stunden Elektrizität im Dorf, das alles war man von Old Germany her eben nicht so gewohnt.
Vor einigen Wochen kam der Film „Los Andes no creen en Dios“ (Die Anden glauben nicht an Gott) in die hiesigen Kinos, ein Film, der inhaltlich recht fad ist, aber eben in unserer Gegend gedreht wurde und so die Landschaft um den Salar herum zeigt. Mit von der Partie ist, was meine Erheiterung erweckte, ein von wenigen „beatas“, also frömmelnden Frauen umgebener Pfarrer, dem dazu noch die Ministranten den Gehorsam verweigerten und nicht mehr zum Gottesdienst läuten wollten, weil doch keiner käme …
Ein Bisschen spiegelt sich in diesem Werk aus dem letzten Jahrhundert aber doch unsere pastorale Situation wieder, wenn jetzt auch unter ganz anderen Vorzeichen. 78 % der Bolivianer sind nach Statistiken katholisch, nehmen am Pfarrleben gerade in Landpfarreien mit Ausnahme der Feste mangels Evangelisation und Katechese aber kaum teil. In Llica kommt noch hinzu, dass der im Grenzgebiet übliche Warenschmuggel bis hin zum Drogenhandel zur sittlichen Verrohung von Menschen führt. Als Kirche sind wir so in unserer lliquenischen Gesellschaft bestimmt nicht dominant, aber für alle sichtbar da, und das halte ich für wichtig. Als Pfarrei laden wir zu christlichem Zusammenleben ein, in einer von Handel, Egoismus, Vergnügungssucht und oberflächlichen Gesellschaftsideologien geprägten Umgebung. Und wir dürfen uns dabei über viele wenn auch kleine Erfolge freuen. Dazu gehört die steigende Zahl von Taufen von Jugendlichen und Erwachsenen. Diese haben bei uns eben lebendige Gemeinde erlebt und wollen dazugehören und mitmachen.

Schmunzeln erregt bei Besuchern aus Deutschland immer wieder die Existenz des Pfarrclubs „Bayern Munich“. Nach dem im diesjährigen Sportturnier der Provinz verlorengegangenen Endspiel im Fußball sagte mir, dem etwas bedeppert aus der Wäsche schauenden Torwart, ein angetrunkener Junge: „Du bist eben auch nicht der Liebe Gott“. Freunde aus Chile, die zum Pfarrfest „Mariä Himmelfahrt“ Mitte August nach Llica gekommen waren, klärten mich zudem noch auf, dass ich im Fußballleben ihrer Stadt Iquique mit meinen bald 53 Jährchen zur Kategorie „caminando al cielo“, gehörte, das sind also die alten Kicker „auf dem Weg zum Himmel“. Aber jeder hat eben seine „locuras“.

Llica ist nicht nur eine lebendige Pfarrgemeinde dank des Wirkens des Hl. Geistes und meiner Anstrengungen, eben auch dank der tatkräftigen Solidarität vieler von euch, einschließlich eures Gebetes. Dafür möchte ich euch wiederum ein ganz herzliches Vergelt’s Gott sagen!

Es gäbe noch viel aus der Pfarrei zu berichten: Wie wir uns auf den eucharistischen Kongress der Pastoralzone Salar in Uyuni Mitte Oktober vorbereiten, dass der Fernsehkanal der Pfarrei, der Kanal 11, wieder allabendlich auch mit religiösem Programm zu sehen ist und dass in der Pfarrei aktive Jugendliche fürs Pfarrfest die Kirche drinnen und draußen neu gestrichen haben, doch kann und will so ein Rundbrief nicht mehr als ein Lebenszeichen und Hinweis dafür sein, dass ich bei all den Schwierigkeiten weiterhin mit Freude bei der Arbeit bin und auch in der Logik des Reiches Gottes Erfolge habe.

Schliessen möchte ich mit einem kurzen Reisebericht gemäss dem Sprichwort, wer eine Reise macht, hat ’was zu erzählen, und das gilt besonders in Bolivien. Nach dem Pfarrfest stand an, über Potosí nach La Paz zu fahren, um dort meinen bolivianischen Personalausweis zu erneuen, ebenfalls bei der Botschaft einen neuen Reisepass zu beantragen sowie die Post aufzugeben. Beim Hauptpostamt in La Paz eingeworfene Briefe kommen normalerweise nach spätestens 4 Wochen !!! in Deutschland an. Nun, von Llica bis Potosí war die Reise soweit normal verlaufen, einmal war uns nur die Kühlerhaube nach Bruch einer Sicherungshalterung gegen die Windschutzscheibe geflogen, ohne allerdings Schaden anzurichten. Auf dem Weg von Potosí nach Oruro meinten wir uns schon am Ziele, als ich kurz vor Challapata vor uns eine lange Schlange stehender Lastwagen sah; die Bewohner des Dorfes hatten die Landstrasse blockiert. Lastwagenfahrer berichteten, sie würden schon 2 Tage hier warten. Da ich nicht so gerne im Auto übernachte, fuhren wir also wieder gute 100 km zur Wegkreuzung nach Macha zurück, wo ich nach langem Suchen und Betteln schließlich auch den fast leeren Tank mit Benzin füllen konnte. Auf der holprigen Strasse nach Macha bahnten wir uns mit Geschick einen Weg durch die in Scharen von einem Viehmarkt teils noch mit Vieh heimkehrenden Campesinos, durchweg schwer angetrunken und nicht sehr freundlich auf uns blickend. In Macha, der Stadt der Tinkus angekommen, war ich froh, dass uns keiner mit dem Knüppel aufs Dach oder in die Scheibe geschlagen hatte. Nach Macha ging`s dann bei Dunkelheit auf einer schmalen Strasse an tiefen Schluchten vorbei durch die Berge. Schließlich waren wir gegen Mitternacht erschlagen, aber glücklich noch zu leben, in Oruro angekommen. Ohne Straßenblockade wären wir dort am späten Nachmittag gewesen.

Das soll es gewesen sein. Nochmals mit herzlichen Grüssen und in Dankbarkeit

Padre Dietmar Krämer
 

 

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